Warum ich viele Apps ohne Account, Tracking und eigene Cloud baue
Bei einer neuen App stellt sich heute häufig sehr früh eine Frage:
Welches Backend verwenden wir?
Für viele Anwendungen ist das vollkommen sinnvoll.
Aber nicht für jede App.
Bei mehreren meiner Projekte beginne ich deshalb mit einer anderen Frage:
Braucht diese Funktion überhaupt einen Server?
Nicht jede App braucht ein Benutzerkonto
Ein Konto ist technisch praktisch.
Es ermöglicht Synchronisierung, serverseitige Speicherung und die Nutzung auf mehreren Geräten.
Gleichzeitig entsteht dadurch zusätzliche Komplexität.
Es müssen Zugangsdaten, Konten, Wiederherstellung, Datenlöschung und Serverinfrastruktur verwaltet werden.
Wenn eine Anwendung ihre Hauptaufgabe vollständig auf einem Gerät erfüllen kann, ist ein Account deshalb nicht automatisch ein Vorteil.
Local First bedeutet nicht einfach nur Offline
Local First beschreibt für mich vor allem eine Produktentscheidung.
Die wichtigsten Daten und Funktionen sollen möglichst nah beim Nutzer bleiben.
Das kann bedeuten, dass Informationen direkt auf dem iPhone gespeichert werden. Es kann bedeuten, dass eine Analyse direkt auf dem Gerät stattfindet. Es kann auch bedeuten, dass eine Funktion unabhängig von einem eigenen Cloud Dienst nutzbar bleibt.
Dabei muss jede App einzeln betrachtet werden.
Nicht jedes Tommsel Projekt ist Local First. Einige Webanwendungen benötigen bewusst serverseitige Komponenten.
Die Architektur sollte zur Aufgabe passen.
Weniger Infrastruktur kann mehr Privatsphäre bedeuten
Jeder zusätzliche Server und jeder externe Dienst erweitert die technische Oberfläche eines Produkts.
Das bedeutet nicht, dass Cloud Systeme grundsätzlich unsicher sind.
Es bedeutet lediglich, dass Daten, die nie an einen eigenen Server übertragen werden, dort auch nicht gespeichert, verwaltet oder versehentlich offengelegt werden können.
Datensparsamkeit beginnt deshalb nicht erst in einer Datenschutzerklärung.
Sie kann bereits eine Architekturentscheidung sein.
SweatKey
SweatKey beschäftigt sich mit Bewegung und bewusster Bildschirmzeit.
Der persönliche Fortschritt steht im Mittelpunkt. Ein öffentliches Profil oder eine globale Rangliste ist dafür nicht notwendig.
IntakeCue
IntakeCue organisiert persönliche Erinnerungen für Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Routinen.
Gerade bei solchen Informationen ist eine zurückhaltende Datenarchitektur besonders sinnvoll.
Kindlume
Kindlume beschäftigt sich mit persönlichen Beziehungen und Kontaktpflege.
Private Notizen über wichtige Menschen müssen nicht automatisch Teil eines sozialen Netzwerks werden.
Auch Local First braucht ehrliche Grenzen
Der Begriff darf nicht zu einem Marketingversprechen werden.
Ein Betriebssystem kann beispielsweise eigene Gerätesicherungen anbieten. Käufe können über den App Store abgewickelt werden. Nutzer können Daten bewusst exportieren oder teilen.
Deshalb vermeide ich Aussagen wie:
Daten können das Gerät niemals verlassen.
Die bessere Frage lautet:
Welche Daten verarbeitet die App selbst, warum verarbeitet sie diese und welche Dienste sind tatsächlich beteiligt?
Keine Architektur für jedes Produkt
Tommsel umfasst nicht nur lokale Apps.
Produkte wie einige Webdienste benötigen Server, APIs oder Datenbanken, weil ihre Funktion sonst nicht möglich wäre.
Auch dort gilt derselbe Grundsatz:
Nur die Infrastruktur einsetzen, die für das Produkt tatsächlich notwendig ist.
Software sollte ihre Architektur erklären können
Nutzer müssen nicht jeden technischen Begriff kennen.
Aber ein Produkt sollte verständlich erklären können, was mit ihren Daten passiert.
Für mich gehört das inzwischen genauso zum Produktdesign wie Navigation, Typografie oder Performance.
Local First ist deshalb kein einzelnes Feature.
Es ist eine Möglichkeit, Software von Anfang an mit weniger unnötiger Abhängigkeit zu entwickeln.